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Mittlerweile gehört es zum guten Ton vieler Stromanbieter auch so genannten "Ökostrom" anzubieten. Leider ist der Begriff Ökostrom nicht geschützt und unterliegt nicht allgemein verbindlichen Richtlinien, was darunter zu verstehen ist.
Es gibt mehrere Möglichkeiten, Strom aus herkömmlichen Quellen als angeblichen Ökostrom zu verkaufen.
Möglichkeit 1: Die Verbrauchertäuschung mit RECS-Zertifikaten:
Im wesentlichen funktioniert das Renewable Energy Certificate System (RECS) so:
Wasserkraftbetreiber A produziert Strom zu 100% aus Wasserkraft.
Jetzt passiert das Entscheidende: Der Strom wird aufgeteilt in a) den physischen Strom selbst und b) einem Zertifikat, das ihn als Wasserkraftstrom ausweist.
Wasserkraftbetreiber A kann nun dieses Zertifikat über eine elekronische Börse am Markt anbieten.
Stromhändler B will sich nun endlich auch als umweltfreundlicher Stromanbieter positionieren und beschliesst, seinen Kunden auch Ökostrom anzubieten. Der Bau von Anlagen für Erneuerbare Energien ist Stromhändler B jedoch zu teuer. Auch der Kauf von Strom aus Erneuerbaren Energien aus Anlagen in Deutschland ist ihm zu teuer. Deren Erzeuger erzielen durch die so genannte Einspeisevergütung nach dem Erneuerbaren Energien Gesetz (EEG) oder durch den Verkauf an echte Ökostromanbieter bessere Preise.
Also kauft Stromhändler B einfach an der elektronischen Börse Zertifikate von Wasserkraftwerksbetreiber A. Seinen Strom bezieht Händler B weiterhin aus Kohle- und Atomkraft. Damit er 4000 kWh/a Ökostrom an die gutgläubige Familie F vermarkten kann, kauft er für 4000 kWh/a RECS-Zertifikate. Damit ist der Strombedarf von Familie F von 4000 kWh/a indirekt zu 100% abgedeckt aus dem Wasserkraftstrom von Betreiber A.
Wasserkraftbetreiber A freut sich. Der hätte seinen Strom sowieso verkauft. Jetzt erhält eine weitere Einnahmequelle durch den Verkauf der Zertifikate. Betreiber A erhält jedoch so wenig für ein Zertifikat, dass er jetzt auch nicht anfangen würde zu investieren in den weiteren Ausbau der Wasserkraftwerkskapazitäten, um noch mehr Zertifikate verkaufen zu können. Er verkauft nur den Strom, den er auch ohne RECS zuvor schon in das Netz eingespeist hat.
Stromhändler B freut sich noch viel mehr. B kauft für umgerechnet zuletzt 0,05 Cent/kWh RECS-Zertifikate und ansonsten weiterhin Kohle- und Atomstrom. Seinem Kunden aber verkauft er den Strom so als angeblichen Ökostrom mit einem Aufpreis von zum Beispiel 1 Cent, also dem 20-fachen dessen, was er für das RECS-Zertifikat selbst zu zahlen hatte. Außerdem kann Stromhändler B sich jetzt auch noch als Ökostromanbieter gerieren.
Die gutgläubige Familie F ist auch zufrieden. Schließlich sind sie gegen Atomkraft und die Luft verpestende Kohlekraftwerke wollen sie auch nicht. Sie wissen nicht, dass sie kein bisschen dazu beitragen, dass die Kapazitäten aus Kohle- und Atomstrom abgebaut werden und verdrängt werden durch die Erneuerbaren Energien. Ihr Geld fließt weiterhin dem Kohle- und Atomkrafthändler B zu, statt einem Ökostromerzeuger. Zu Recht wird hier von einer Täuschung des Verbrauchers gesprochen.
Für eine Umweltwirkung müsste das RECS so ausgelegt sein, dass es einen Anreiz bietet in neue Anlagen für Erneuerbare Energien zu investieren. Möglich wäre dies durch die Verknappung der RECS-Zertifikate bis ein Preis für diese Zertikate erzielt werden kann, der über diese Schiene Investitionen in Erneuerbare Energie auslöst. Dies ist aber nicht der Fall. Und so sind tatsächlich RECS-Zertifikate zurzeit sehr billig zu kaufen, weil die Strommengen aus Wasserkraftwerken die Nachfrage nach Ökostrom bei weitem übersteigen.
So ist also unterm Strich durch das RECS keine einzige kWh Strom aus Erneuerbaren Energien mehr produziert. Der Wasserkraftwerksbetreiber A hätte seinen Strom so oder so verkauft. Entsprechend wird auch keine einzige kWh Strom aus Kohle- und Atomkraft verdrängt, denn es ist ja viel billiger, die RECS-Zertifikate dazu zu kaufen, als zu investieren in den Ausbau der Ernbeuerbaren Energien. Auch kann aufgrund der niedrigen Preise für RECS-Zertifikate jedenfalls durch das REC-System der Wasserkraftstrom nicht billiger angeboten werden als Strom aus Kohle- und Atomkraft, so dass auch hierdurch keine Verdrängung von Kohle- und Atomstrom stattfindet. Die Margen mit Kohle und Atomstrom sind ca. viermal höher (!) als mit Strom aus Erneuerbaren Energien. Das ist der Grund, warum die Stromkonzerne weiter auf ihre Großkraftwerke setzen. Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht ist ihr Verhalten völlig richtig. Die volkswirtschaftliche Rechnung freilich sieht anders aus. Übrig bleibt, dass nur rein rechnerisch der Wasserkraftstrom unserer vermeintlichen Ökostrombezieher-Familie F zugerechnet worden ist.
Im gezeigten Beispiel ist nur die Rede von Strom aus Wasserkraftwerken, weil hieraus der ganz überwiegende Teil der RECS-Zertifiakte bezogen wird.
Für weitere Infos und Kritikpunkte am RECS empfehle ich WIKIPEDIA zum Suchwort "RECS".
Möglichkeit 2: Strom aus Wasserkraft: Seit je her ist Strom auch aus Wasserkraft produziert worden und in das Stromnetz eingespeist worden. Bundesweit betrachtet ergab und ergibt sich so ein Strommix in Ihrer Energieversorgung mit den Quellen Wasserkraft und weitere Erneuerbare Energien, Atomkraft und Kohlekraft. Nun passiert folgendes: der Strom aus Wasserkraft wird als sauberer, weil CO2-freier, Strom verkauft. Aber dieser Wasserkraftanteil im Strommix fehlt nun, es steigt somit im Strommix herkömmlichen Stroms der Anteil von Kohle- und Atomstrom. Unterm Strich ist damit also nichts gewonnen. Es ist nur umgeschichtet worden.
Daher ist es wichtig, dass der Strom aus neuen Anlagen für Erneuerbare Energien kommt oder der Stromanbieter einen wesentlichen Teil des Geldes der Kunden in neue Anlagen für Erneuerbare Energien investiert, denn aufgrund des gesetzlich bestimmten Vorrangs der Einspeisung der Erneuerbaren Energien in das deutsche Stromnetz wird tatsächlich Strom aus Kohle- und Atomkraftwerken verdrängt. Nur damit ist ein Mehrwert für Mensch und Natur geschaffen. Fallen Sie bitte nicht herein auf all die vielen Mogelpackungen. Laut des Bundes für Umwelt und Naturschutz - BUND - gibt es nur vier überregionale Anbieter echten Ökostroms: EW Schönau (EWS), LichtBlick (mit grundsätzlicher Kritik vieler Umweltaktivisten), Greenpeace Energy und naturstrom.
Von diesen vom BUND genannten vier Anbietern hat naturstrom zudem mit 1,25 Cent brutto pro kWh die höchste Neuanlagenförderung. Nur wenn neue Anlagen für Erneuerbare Energien gebaut werden, kann der Wechsel zur Vollversorgung mit Strom aus Erneuerbaren Energien gelingen. Über 170 Anlagen sind so durch naturstrom bisher in Deutschland entstanden, denn die dezentrale Stromversorgung ist naturstrom wichtig.
Echter Ökostrom heißt: Keine Verwendung von RECS-Zertifikaten, keine Verpflechtung mit der Atom- und Kohleindustrie, Förderung neuer Anlagen zur Gewinnung regenerativer Energien, mit dem jetzigen Stromnetz heißt das auch: dezentrale Anlagen nahe beim Verbraucher, um Energieverluste durch lange Leitungen zu verringern (leider kein Gleichstrom, nur als Stichwort) und den Oligopolbestrebungen der Kohle- und Atomstromkonzernen stetig entgegenzuwirken. Text von Gunther Carl